Der Konvent der evangelischen Krankenhausseelsorge in Westfalen
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Gemeinsame Entschließung der Konferenz für Krankenhausseelsorge in der EKD

Sie können die gemeinsame Erschließung der Konferenz für Krankenhausseelsorge in der EKD von 1999 hier herunterladen (38 KB) oder direkt lesen:

In den letzten Jahren haben sich im Zug gesellschaftlicher Veränderungen die Voraussetzungen der Zusammenarbeit von Kirche und Krankenhäusern geändert. Krankenhausseelsorge versteht sich als ein vermitteltes Gegenüber zwischen Krankenhaus und Kirche. Dieses Papier möchte das gemeinsame Gespräch anregen.

I. Veränderte Rahmenbedingungen

1. Das Krankenhaus ist eine Welt für sich. Seine Organisation als medizinisch-soziales Dienstleistungsunternehmen und die Erfordernisse des Angebots an medizinischer Diagnostik, Behandlung und Pflege schaffen soziale Rahmenbedingungen, innerhalb derer Krankenhausseelsorge arbeitet.

2. Wichtige Veränderungen dieser Rahmenbedingungen ergeben sich durch regionale Zusammenschlüsse von Krankenhäusern und medizinische Schwerpunktbildung, die Beschleunigung des Arbeitsrhythmus, kürzere Verweildauer, stärkere Fluktuation, stärkere ambulante Vernetzung mit niedergelassenen Ärzten (z.B. ambulante Operationen). Sowohl der Pflegeberuf als auch der ärztliche Beruf verlieren ihr Profil als Beziehungsberuf und werden zur Dienstleistung im Rahmen eines Leistungskatalogs. Für Patienten gibt es immer weniger menschlich tragfähige Beziehungen.

3. Von der Krankenhausseelsorge wird seitens der Organisation Krankenhaus, von den Trägern und von Seiten der Kirchen erwartet, dass sie ihre Präsenz im Krankenhaus plausibel macht und ihre Relevanz unter Beweis stellt. Dies ist unter dem vermehrten Kostendruck verbunden mit Überlegungen zur Kostenübernahme für Seelsorgestellen durch die Träger des Hauses.

4. In dieser Situation muss die Krankenhausseelsorge ihr Selbstverständnis, ihren Ort, ihre Aufgabenstellungen und Arbeitsweisen so definieren, dass ihr spezifischer theologischer Charakter, ihre funktionale Relevanz innerhalb der Organisation Krankenhaus und ihre Kompetenz deutlich werden.

II. Krankheit und Gesundheit

5. Eine gegenseitige Verständigung der verschiedenen Berufsgruppen über das Verständnis von Krankheit und Gesundheit ermöglicht der Krankenhausseelsorge in der Organisation Krankenhaus ihren Ort zu finden und ihren Auftrag im Rahmen der Aufgabenstellung der Institution wahrzunehmen.


6. Konnte im Krankheitsverständnis früher die Polarität von Schuld und Schicksal eher von der Schicksalhaftigkeit her erlebt werden, so tritt zunehmend der "schuldhafte" Eigen- oder Gesellschaftsanteil in den Vordergrund mit dem Bewusstsein Des (teilweise) Steuer- oder Änderbaren. Es treten zunehmend Krankheiten auf, die einen deutlichen verhaltens-, gesellschafts- oder umweltbedingten Anteil haben. Gleichzeitig nimmt (paradoxerweise) das Ohnmachtgefühl gegenüber den vernetzten und anscheinend unbeinflußbaren Handlungsabläufen zu.

7. In der Rechtsprechung, aber auch im ärztlichen Handeln wird der (Allein-) Verantwortung des Arztes zunehmend die Patientenautonomie gegenübergestellt.

8. Das Gesundheitsstrukturgesetz verändert den Charakter des Krankenhausaufenthaltes: Die Dazuer zwischen Aufnahme und Entlassung verkörpert nur einen (spezifischen) Moment des Krankheitsgeschehens; Vor- und Nachsorge, Reha- und Milieumaßnahmen bekommen neue Stellenwerte.

9. Für das Verständnis medizinisch-pflegerischen Handelns werden zunehmend Denkmodelle wichtig, welche die Situation der kranken Menschen nicht von einer Defizit- und Krankheitsperspektive, sondern aus der Perspektive der Ressourcen, der Kompetenz und der Selbstorganisation betrachten. Dabei spielen körperliche, psychische, materielle und (psycho-)soziale gesundheitsförderliche Widerstandsressourcen einer Person eine Rolle. Das hat Konsequenzen für ärztliches, pflegerisches und seelsorgerliches Handeln. Die verschiedenen Berufsgruppen im Krankenhaus können sich im Bemühen um das "empowerment" der PatientInnen treffen und von ihrem spezifischen Hintergrund her zusammenarbeiten.

III. Theologisches Selbstverständnis der Krankenhausseelsorge

10. Das Bewusstsein um die Verletzlichkeit und um die kreativen Lebensmöglichkeiten alles Geschöpflichen ist unabdingbare Voraussetzung, um nicht nur ein Krankheits-, sondern auch ein Gesundheitsverständnis (gemeinsam) zu erreichen.

11. Wir sind in die Schicksalsgemeinschaft der Welt verwoben. Aber im Glauben an die Botschaft von der Erlösung in Christus können wir heilende Kräfte entdecken.

12. Eine sinnvolle ethische Orientierung für unser Tun und lassen angesichts von Krankheit ist möglich, wenn das Vertrauen entsteht, dass die Beziehung zwischen Gott und dem Menschen trotz der Brüchigkeit des Lebens Bestand hat.

13. Krankenhausseelsorge möchte Menschen im System Krankenhaus begleiten, die nach dem Sinn ihres Lebens fragen. Dabei ist ihr die Stärkung der persönlichen und sozialen Ressourcen ein wichtiges Anliegen. Der Glaube kann auf diese Weise ‚persönlichkeits- und situationsspezifisch' erfahren werden. Dieses geschieht in Zusammenarbeit mit anderen Berufsgruppen. Diese Zusammenarbeit erstreckt sich auch auf ethische Fragestellungen.

14. KrankenhausseelsorgerInnen sind bereit, die Situation der Menschen im Krankenhaus mit ihnen vor Gott anzusehen, auszusprechen und auszuhalten. Implizit durch die Begegnung mit dem / der Krankenhausseelsorger/in und auf Wunsch explizit durch das Angebot von Ritualen (Gebet, Segen) können sie zu Partnern in der Gottessuche werden.

15. Bei ihrer Arbeit lässt sich Krankenhausseelsorge auf die Qualität ihrer Angebote hin befragen und entwickelt Kriterien der Qualitätssicherung.

IV. Krankenhausseelsorge als Aufgabe der Kirche

16. Zur Krankenhausseelsorge ist die Kirche aufgerufen aufgrund des Jesus-Wortes: Ich bin krank gewesen und ihr habt mich besucht (Mt. 25,36). Krankenhausseelsorge wendet sich den Menschen in den Grenzsituationen von Krankheit und Gesundheit zu.

17. Historisch entstand die Idee, Hospize für Kranke zu errichten aus dem Entschluss zur Nachfolge Christi, der sich in besonderer Weise den Kranken zuwandte und sie in die Gottesgemeinschaft aufnahm. Dieses Engagement ist durch die gesamte Kirchengeschichte ein Kontinuum des Handelns gewesen. Es trifft heute auf eine hohe Akzeptanz außerhalb der Kirchen. Faktisch wird KrankenhausseelsorgerInnen in den meisten Krankenhäusern Deutschlands die Kompetenz zu getraut, Menschen in Grenzsituationen ein gegenüber zu sein.

18. Im Krankenhaus bildet sich eine besondere, von der verfassten Gemeinde verschiedene Gestalt der Kirche (Mt. 18,20). KlinikseelsorgerInnen sind Grenzgänger zwischen den Institutionen Kirche und Krankenhaus. Das macht die Schwierigkeit der seelsorgerlichen Arbeit im Krankenhaus aus.

19. Sehr wichtig ist die Verbindung der KrankenhausseelsorgerInnen mit der Gemeinde. Krankenhausseelsorge soll den Besuch der Gemeinde "ihrer" Kranken nicht ersetzen. Vielfach müssen hier noch Formen des Miteinanders gesucht werden. Nebenbei - etwa neben einem vollen Gemeindepfarramt -kann niemand in einem großen, modernen Hochleistungskrankenhaus präsent sein. Wer hier als Seelsorgerin oder Seelsorger kompetent arbeiten will, muss in dieser Welt ein Stück weit heimisch sein. Angehörige der verschiedenen Berufsgruppen (Pflege, Medizin, Sozialarbeit und andere) brauchen in der Seelsorge einen Ansprechpartner, der kontinuierlich zur Verfügung steht. In kleineren Häusern hat sich vielfach auch die Präsenz durch eine(n) Seelsorger(in) im Nebenamt bewährt.

20. Neben hauptamtlichen MitarbeiterInnen können auch ehrenamtliche MitarbeiterInnen Dienst in der Krankenhausseelsorge tun, zu dem sie ausgebildet und in dem sie fachlich begleitet werden müssen.

21. Krankenhausseelsorge kann heute nur in ökumenischer Solidarität geschehen. Konfessionelle Interessen finden in der säkularen Welt des Krankenhauses kein Verständnis.

22. Damit Krankenhausseelsorge ihre oben beschriebenen Aufgaben erfüllen kann, sollte sie durchschaubarer als bisher organisiert werden. Dazu gehören: klare Dienstbeschreibungen, Festlegung der inhaltlichen Schwerpunkte der Arbeit, Regelungen für Präsenz und Erreichbarkeit, überschaubar gestaltete Arbeitszeiten, Dokumentation der Tätigkeit.

23. Die Beziehung zu den Gemeinden und Kirchenkreisen sollte durch die Einrichtung von Fachpresbyterien oder Fachbeiräten und regelmäßigen Visitationen gestärkt werden. Sie sollen die Zusammenarbeit zwischen Krankenhausseelsorge und Krankenhausträgern und den jeweiligen kirchlichen Institutionen fördern.

24. Durch Kooperationsverträge zwischen den kirchlichen Anstellungsträgern und dem Krankenhaus kann für das jeweilige Krankenhaus ein spezielles Anforderungsprofil des/der Krankenhausseelsorger/in erstellt werden.

Von der Konferenz für Krankenhausseelsorge verabschiedet:
Der Vorstand Züssow, den 4. März 1999

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